- Schlosserei Glitzner

Glitzner Christian

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Meisterwelten

HANDWERK, DAS KLINGT.

Schmied Christian Glitzner

 

Die Esse ist der Ofen der Schmiede. Oder eigentlich ihr Herd, denn dort machen sie ihr Eisen warm.

Und selbst wenn es bis zu 1.000 Grad heiß ist, bezeichnet ein Schmied das Eisen nie als heiß, sondern immer nur als warm. Warm ist auch die Farbe, wenn es sich biegen lässt: ein gelbes Orange. „Wir Schmiede haben keine Messgeräte“, sagt Christian Glitzner, „wir erkennen an der Farbe, wie warm das Eisen ist.“ Und erklärt mir weiter: „Ist das Eisen rot, dann lässt es sich noch nicht biegen, aber wenn es weiß ist, dann ist es fürs Schmieden schon zu warm.“

 

Wir stehen in seiner Schmiede und Schlosserei in der Morzingasse in Mariazell. Vor uns ein Amboss, archaisch, dunkel, glänzend. Er könnte auch der mächtige Amboss sein, den Wotan in den Nibelungen in die Schmiede von Mime stellt. Ehrfurcht erregend ist er, mit seinen beiden Hörnern, hinten das eckige und vorne das runde Horn, das wie eine spitze silberne Nase ausschaut. Zwischen den beiden Hörnern ist die Bahn, auf der geschmiedet wird. Christian Glitzner fährt mit dem Hammer darüber und beginnt zu schlagen. Eisen trifft auf Eisen, klar ist der Klang, hell und unvermittelt fährt er mir in die Ohren. „Ja, es ist ein Handwerk, das klingt“, sagt Christian und erzählt davon, wie er mit seinem Vater gemeinsam geschmiedet hat: Immer im Takt. Zuerst er, dann sein Vater. Und so weiter und so fort. Wenn der Ältere auf das runde Horn des Ambosses geschlagen hat, wusste der Jüngere, es ist Zeit zum Aufhören. „Der Klang des Hammers kann bei jedem ein wenig anders sein“, erklärt er, „das ist die Handschrift des Schmiedes.“ Aber der Klang wechselt auch mit der Art der Schläge und ich höre es gleich, als er den Hammer mit kurzen, schnellen Bewegungen und anschließend mit einem weiten Bogen auf das Eisen fallen lässt. Zunder splittert ab. Es ist die Haut des Eisens, die beim Schmieden oft abgeht. Graue Blättchen fallen zu Boden, wie die Schuppen eines Drachens schauen sie aus.

 

Wenn man die Kraft beim Schmieden sieht, ist es schwer vorstellbar, dass Zartes herauskommt. Und doch ist es so. Denn Christian biegt aus dem Eisen kunstvolle Formen, die später Gartenlampen oder Vorhangstangen, aber auch schmiedeeiserne Treppengeländer und Gartenzäune werden. Kühle sagt man dem Eisen nach, aber in Wirklichkeit hat es viel Sinnlichkeit und Seele. Es schimmert, glitzert und glänzt. „Dass es eine Seele hat, merkt man schon alleine daran, dass es sich nicht jeden Tag gleich gut schmieden lässt“, lacht Christian und erzählt weiter, dass es am besten geht, wenn man ihm viel Ruhe entgegen bringt. Und Zeit. Denn nur dann wächst das Eisen bedächtig und beständig unter seinen Händen, und nur so lässt sich aus der Idee die Form schmieden. Bei der er am liebsten Anleihe aus der Natur nimmt. Wie beim großen schmiedeeisernen Kreuz, das er mir stolz zeigt: Feine Äste ranken sich an ihm empor, von den anmutigen Rosenblüten gleicht keine der anderen. „Wenn ich das Eisen zum Biegen über den Amboss lege, dann wird es jedes Mal ein wenig anders“, sagt Christian, „jede Arbeit ist ein Einzelstück, das ist schon etwas Besonderes.“ Und er zeigt mir als Beweis zwei kunstvolle Enden einer Vorhangstange, jede für sich vollkommen und trotzdem jede anders. „Genaues Maß ist die Grundlage“, erklärt er, „aber oft genug lasse ich auch mein Auge entscheiden, ob die Form vollendet ist.“ Oder er verlässt sich einfach auf sein Gespür, das mit den Jahren immer genauer wird, was sich vor allem bei den Schlössern zeigt.

 

Wir stehen vor einer Kiste ganz hinten in der Werkstatt: hier bewahrt Christian historische Schlösser und Türbeschläge auf, ideenreich und liebevoll sind sie gemacht, Sternenmuster liegen neben Blumenformen, ein großes Schloss ist obenauf. „Alte Schlösser haben manchmal eine komplizierte Technik“, erklärt er, „aber trotzdem funktionieren sie schon seit Jahrhunderten. Wenn sie dann mal klemmen, hat sich oft nur eine Kleinigkeit verzogen, das lässt sich schnell beheben.“ So wie beim Schloss zur Schatzkammer in der Basilika von Mariazell, wo der fingerdicke Schlüssel plötzlich nicht mehr sperrte. Und trotzdem in Ordnung war, wie Christian schnell feststellte: „Man muss nur genau wissen, wie der Schlüsselbart gedreht wird, dann klappt das auch noch nach Jahrhunderten“, meint er und fügt lachend hinzu: „Heilige Schlösser lassen sich halt nicht so einfach öffnen.“ Immer wieder

wird er in die Basilika gerufen, beispielsweise auch als es galt, einem Engel wieder zu ehrwürdigem Halt zu verhelfen. So schnell unterstützen zu können, freut ihn ganz besonders. Das gilt auch anderswo. „Gerufen und da“, sagt er lächelnd, und meint, dass er stets so schnell wie möglich zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird. Dafür greift er schon auch mal zu ungewöhnlichen Mitteln, so wie vor einiger Zeit, als er wenige Tage vor Silvester auf den Annaberg gerufen wurde. Und kurzerhand seine Rodel und den Werkzeugkasten auf den Sessellift geschnallt hat, um nach getaner Arbeit mit einer flotten Rodelfahrt ins Tal zurückzukehren. Überhaupt lässt er das Auto stehen, wann immer es nur geht. Oft sehen ihn die Mariazeller auch mit seinem Fahrrad durch die schmalen Gassen flitzen.

 

Ob mit Rad oder Rodel, Christian Glitzner repariert, was irgendwie geht. Da kommt sehr viel in seine Werkstatt, der kleine Guss-Ofen zum Bespiel, ganz hinten im Eck, der zuerst ein Bein und dann seinen Herren verloren hat und nun auf seine neue Bestimmung wartet. Aber auch Werkzeuge, Geräte und Maschinen. „Manchmal ist eine Reparatur nicht nur kostengünstiger, sondern auch zweckmäßiger“, sagt er, „ich schaue einfach immer, was für den jeweiligen Zweck am gescheitesten ist“. Grundehrlich ist also nicht nur sein Handwerk, grundehrlich ist auch er selbst. „Ich gehe schon sehr sorgsam mit den Menschen um“, bestätigt er, „und habe immer ein offenes Ohr.“ Ruhig wirkt er, wie er so vor mir steht und dass in dieser Ruhe auch seine Kraft liegt, spürt man bei allem, was er tut und sagt. Auch was die Zukunft seiner Werkstatt betrifft. Denn obwohl seine Kinder einen anderen Lebensweg eingeschlagen haben und sein Handwerk nicht weiterführen, vertraut er darauf, dass es kommt, wie es passt: „Die Fügung wird schon das Richtige für meine Werkstatt wollen“, meint er lächelnd und ich glaube ihm sofort.