- Weberei Strunz

Weberei Strunz
Regina Strunz

Furth 43
8524 Bad Gams
 +43 3463 3367
 info@weberei-strunz.at
 Betriebswebseite

Meisterwelten

WER LIEBT, DER WEBT.

Weberei Strunz

Angefangen hat alles mit der Liebe: Denn anstatt sich mit seinen Freunden zu treffen, geht Helmut Strunz zum Volkstanzen und lernt dort seine Regina kennen. An einer Kreuzung hat er sich spontan für diese Richtung entschieden. Und damit auch den Weg von Regina gegabelt. Denn diese verliebt sich nicht nur in Helmut, sondern auch in die Webstühle seine Mutter. Und schlägt damit selbst eine neue Richtung ein: Aus der Lehrerin wird eine Weberin.

Das Weben hat im Hause Strunz aus Zufall begonnen. Denn die Mutter von Helmut hat es sich in den Kopf gesetzt, ihr Haus trotz karger Nachkriegszeit mit Teppichen wohnlich zu gestalten. Aber weil die Haushaltskassa nicht so recht mitspielte, lernte sie das Weben kurzerhand selbst. Nach einigen Wochen waren die Teppiche für das Haus fertig, aber die Lust aufs Weben immer noch da. Und so entschied sie, aus einer einmaligen Sache den Beruf fürs Leben zu machen, für den sie sogar ihren Mann im wahrsten Sinne des Wortes einspannte. Der arbeitete zwar in einer Porzellanfabrik, war aber gelernter Seiler. Das passte gut zu den Webstühlen und so blieb er fortan zu Hause, um seiner Frau beim Weben zu helfen. Immer wenn Regina in das Haus ihrer Schwiegereltern kam, zog es sie zum Webstuhl. „Es hat mir gefallen, wie rhythmisch das Weben ist und wie es mit dem Auf und Ab auch für das Leben steht“, meint sie, „und auch die schrittweise Arbeit hat mich an das Leben erinnert. Denn wenn wir auch noch so schnell wollen, es geht ja doch nur Schritt für Schritt.“ Neben dem rhythmischen Klang war es auch die Arbeit mit der Hand, die sie von Anfang an begeistert. „Als Kunsterzieherin hatte ich zwar auch einen kreativen Beruf, aber tagtäglich mit den Händen zu arbeiten, kam mir noch erfüllender vor“, erzählt sie und streicht über einen Teppich. „Ich finde es schön, meine Hände und meine Kreativität in die Arbeit zu legen. Wenn ich den Menschen ihren Teppich übergebe, dann übergebe ich immer auch ein Stück von mir selbst“, lächelt sie.

Anfänglich sitzt sie nur während der Ferien am Webstuhl, doch als die Liebe zum Weben immer größer wird, gibt sie ihre Stelle als Lehrerin auf und sich ganz der Weberei hin. Dass Regina darin ihren Sinn gefunden hat, spüre ich sofort als ich neben ihr die Werkstatt betrete. Webgabeln schauen aus einem Bottich heraus und riesige Knäuel aus dicker Schafwolle türmen sich daneben, blaues Baumwollgarn blickt ordentlich aufgespult zu uns herunter und eine nostalgische Dezimalwaage steht im Eck. Mit ihr wiegt Regina die Kleiderfleckerl, die zu ihr kommen. Es sind so viele, dass sie dafür gleich mehrere Lagerräume braucht.

Regenbogen, fällt mir als erstes ein, als ich die unzähligen Kisten sehe. Aus jeder schlängelt sich ein lang geschnittenes Fleckerl, um die vorherrschende Farbe anzuzeigen. Blau in allen Schattierungen geht ins Violett über, wird Rosa und langsam Rot, nimmt ein zartes Orange an und endet schließlich in Sonnengelb. „Ja, das ist das bunte Reich einer Weberin“, lacht Regina, während sie mir einen leuchtend grünen Trachtenstoff zeigt, der bald ein Fleckerlteppich wird. „der Stoff geht mir nicht so schnell aus.“ Verarbeitet wird er an den Webstühlen aus Gusseisen, die mir Regina nun zeigt. Altehrwürdig schauen sie aus und ganz schön groß sind sie. Der älteste Webstuhl ist über 100 Jahre alt und auf dem größten sind 648 Fäden aufgespannt, gut 2 Meter breite Teppiche kann Regina damit weben. Ich bestaune die Kette, wie man die gespannten Fäden hier nennt. Sie besteht aus einem gehobenen und gesenkten Faden. Zwischen ihnen führt das Webtal durch. Und der Schussfaden. Regina bereitet ihn schon vor und wickelt dafür Stoff auf eine Webgabel. Nun fädelt sie diese geschickt durch die Kette, das bunte Fleckerlband schlängelt sich hinterher. Ein lauter Schlag folgt. Regina führt ihn mit einem Pedal aus und rückt damit das Fleckerlband dicht an das vorherige. Gut zwei Kilo Fleckerl braucht sie übrigens für einen Quadratmeter Teppich. Und einen knappen Meter kann sie in einer halben Stunde weben. Wenn sich nichts verheddert und reißt. Was gerade bei den Fleckerln öfters vorkommt. „Der Fleckerlteppich ist nach dem Krieg aufgekommen“, erzählt Regina, „weil sich kaum wer richtige Teppiche leisten konnte, hat man mit Kleiderresten gewebt.“ Auch

heute noch bringen ihr Menschen abgetragene Kleider, die sie bereits fürs Weben vorbereitet haben: „Dafür werden die Kleiderreste zu langen Streifen geschnitten und so miteinander verwebt, dass ein bunter Stoffstreifen entsteht“, erklärt sie. Das Besondere am Fleckerlteppich ist der Zufall: „Wir können zwar die Grundfarben des Teppichs festlegen“, sagt Regina, „wo dann aber welches Muster und welche Farbe auftauchen, kann man nie so genau sagen. So ein Fleckerlteppich“, fügt sie lachend hinzu“, „ist immer voller Überraschungen!“

Beim nächsten Webstuhl ist es wollig. Denn hier verarbeitet Regina Schafwolle, die sie wegen ihrer Wärme und Weichheit ganz besonders mag. Sie drückt mir einen Faden in die Hand und sagt gleichzeitig: „Die Wolle der Schafe ist weich wie Watte. Wenn sie nicht um einen feinen Jutefaden gewickelt wäre, würde sie vor lauter Weichheit zerfallen.“ Das Weben mit der Schafwolle ist aber auch wegen des Wollfetts so angenehm. „Das Lanolin sorgt nicht nur für den weichen Flaum der Schafwolle, sondern ist auch selbstreinigend und schmutzabweisend“, erklärt sie. Deshalb muss ein Schafwollteppich auch nur selten gereinigt werden. „Aber wenn ja, dann im Winter“, sagt Regina, „am besten ist es, wenn man ihn auf gefrorenem Schnee leicht ausklopft.“

Obwohl die Schafwolle von Natur aus weiß ist, verwebt sie Regina in rund 60 Farben. Aus allen Ecken der Werkstatt leuchten sie hervor. Aus ihnen entstehen kleine Kunstwerke, auf denen man liegen, sitzen, gehen, denken und träumen kann. Bevor sie aber ans Weben geht, wird geklärt, welchen Platz der Teppich in Zukunft hat und wie er sich in den Wohnraum fügt. „Manchmal soll er mit der Farbe auf das Tafelgeschirr Bezug nehmen oder mit den Formen auf die Vorhänge“, sagt Regina, „oder er liegt nicht, sondern hängt. Erst wenn ich das alles genau weiß, kann ich mit dem Weben anfangen.“ Auch das Muster steht am Beginn ihrer Arbeit: „Viele haben schon eine Vorstellung, was der Teppich zeigen soll und wenn es noch keine Ideen gibt, dann entwickeln wir was gemeinsam“, erklärt sie, während sie mir ihre Vorlagen zeigt. Jede hält ganz genau fest, wo sie welche Farbe in welchem Umfang webt. „Ja“, meint sie, „das Weben ist ja mit dem Heben und Senken so was wie die Urform des binären Systems. Da kommt es mir schon zu Gute, dass ich auch Mathematik unterrichtet habe.“

Wir gehen ins Geschäft, das vor der Weberei liegt. Die Nachmittagssonne blinzelt herein und wirft einen feinen Schimmer auf einen Teppichballen. „Den habe ich aus Baumwollfäden gewebt“, erklärt Regina, „seine Oberfläche schimmert immer ein wenig.“ Elegant und edel sieht er aus. Das tun auch die Sachen, die Regina mit Wildseide webt. Kleidungsstücke zum Beispiel. „Eine Bekannte hat mir einen Mantel, den ich eigentlich für mich gewebt habe, regelrecht vom Leib gerissen“, erzählt sie lächelnd. Während wir durchs Haus gehen und mir Regina ihre Lieblingsstücke zeigt, sagt sie: „Das Weben zeigt mir auch, wie sich das Leben ineinander fügt. Stoffreste und Wollfäden erzählen eine Geschichte und verwebe sie miteinander.“ Wie bei einer frischgebackenen Oma, die die alten Kindersachen ihrer Tochter aufgetrennt hat, um daraus einen Teppich für das Enkerl weben lassen. Oder auch beim Web-Bild, mit dem Regina das Leben von ihrem Helmut als Journalist und Musiker erzählt. Eine Bassgeige hat sie da in weiche Wolle eingewebt, ein Mikrofon und Tonbandspulen. „Einen Altar hat sie auch schon eingewebt“, erzählt ihr Mann stolz, als er sich dazu gesellt, „und für ein Gasthaus hat sie Töpfe, Kochlöffel, Schneebesen und Backformen zu einem Bild verwebt.“

Wir gesellen uns ins Wohnzimmer, trinken gemütlich Kaffee und essen Donauwellen, eine köstliche Mehlspeise, die von der Tochter gebacken wurde. „Weben bedeutet für mich, dass ich die Gegenwart genieße und einen Handgriff nach dem anderen tu“, sagt Regina Strunz, „das beruhigt mich und außerdem geht es ja so auch im Leben.“ Und ihr Helmut bestätigt: „Das Weben ist sicher so etwas wie eine Lebensschule. Man kann nichts überspringen und nicht drängen, sondern muss bei der einen Sache bleiben und einen Faden nach dem anderen verweben.“ Er freut sich sichtlich, dass Regina das Handwerk der Eltern weiterführt und sagt abschließend: „Wir machen es so wie die zwei. Die haben gemeinsam gearbeitet und wir unterstützen uns bei dem, was wir beruflich so tun.“ Sagt’s und schaut liebevoll zu Regina, die still in die Kaffeetasse lächelt. Wie war das noch mal? Wer liebt, der webt. Und wer webt, der liebt. Und so geht es weiter. Und so geht es fort.