- Lederschneider Roland Steinhart

Ma- Lederschneider
Roland Steinhart

Krakaudorf 32
8854 Krakaudorf
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Meisterwelten

JEDER FINDET DAS, WAS ER SUCHT.

Ledermanufaktur Steinhart

Krakaudorf. Man kennt es wegen dem Samson. Circa 6 Meter ist er hoch und 70 Kilogramm schwer, große rollende Augen und ein schwarzer Bart zieren sein Gesicht. Ein einzelner Mann trägt diese beeindruckende Figur. Zu Oswaldi, am 1. Sonntag im August. Viele Schaulustige reisen deshalb an, aber auch wegen Krakaudorf selbst. Es liegt wildromantisch eingebettet in einem sonnigen Hochtal.

Ich kurve mich von Murau hinauf, sanfte Waldhügel und schroffe Berggipfel wechseln sich ab, die Kehren sind eng, die Wolken nah, der Himmel leuchtet. Eine Lederhose aus Holz begrüßt mich am Gartenzaun. Roland Steinhart bittet in eine kleine Stube. Ein Sprung aus der Zeit. Auf einem Holzregal singt ein alter Radio. Nostalgische Nähmaschinen warten aufs Leder, Metallscheren in allen Größen und viele Spulen mit Nähseide liegen auf dem Tischchen. Darüber das Schwarz-Weiß-Foto des Urgroßvaters. Mit dem alles begonnen hat. Vor über 100 Jahren.

1898. Damals sind die Schneider noch auf die Stör gegangen. Von Hof zu Hof haben sie das Leder, das die Wilderer zu den Bauern gebracht haben, zu kurzen Hosen verarbeitet. Die Gams war für den Bauern, das Leder von den Ziegen oder dem Schafbockleder für die Knechte. Säckler nannte man ihren Beruf damals, Lederhosenmacher sagt man heute. Der Urgroßvater von Roland Steinhart war so ein Säckler und auch sein Vater Wenzel ist noch einer der wenigen, die es heutzutage gibt. Dabei wurden die Säckler bereits im 8. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Damals haben sie aus Tierhäuten noch Säcke genäht, mit denen Bergwerksleute ihre Last zu Tale transportierten. Aber bereits ab dem 12. Jahrhundert stellten sie vorwiegend Beinkleider aus Leder her und ihre Arbeit gestaltete sich kunstvoller und feiner.

Kunstvoll ist die Arbeit mit der Lederhose auch heute noch. Von der Eckbank aus beobachte ich Wenzel Steinhart, den Vater von Roland, wie er Oberleder und Futterleder miteinander verklebt. Die Paste schmiert er aus einem alten roten Blechgeschirr heraus. „Das ist ein Mehlteigerl“, erklärt er, „dafür vermischen wir Roggenmehl mit kochendem Wasser. Diesen Kleister verwenden wir immer schon, der hält ewig.“ Auf der anderen Seite der Eckbank sitzt sein Sohn Roland. Sehr gelassen wirkt er. Und gleichzeitig sehr konzentriert. Er ist gerade dabei, eine Lederhose zu besticken. Mit schnellen Handbewegungen, sicher und souverän wirken sie. Auf dem hölzernen Tischchen vor ihm lagern viele Nadeln. „Das ist mein Nadelfriedhof“, lacht Roland, „die sammle ich hier tagsüber und entsorge sie am Abend.“ Bis zu 40 Nadeln gehen für eine Lederhose drauf. „Und das, obwohl ich Spezialnadeln verwende“, sagt er und fügt noch hinzu: „Sie kommen aus England, aber ich bestelle sie in Brüssel. Bis die in die Krakau ankommen, haben sie schon allerhand gesehen.“ So wie auch die Lederhosen, die Roland und Wenzel nähen, weit herum kommen. In Kanada und Australien sind sie im Umlauf und auch in Hamburg, Zürich und Paris werden sie getragen. Auch von prominenten Namen. Karel Schwarzenberg hat eine Lederhose von den Steinharts und für Werner Lampert, den Bio-Pionier, wird gerade eine angefertigt. Roland zeigt sie mir.

Was man bei den Steinharts kriegt, ist echt. Echt steirisch sogar. „Die Lederhose ist mehr als nur Tracht“, sagt Wenzel, „das ist ein Lebensgefühl, mit dem man zeigt, wo man herkommt und dass man dazu steht.“ Aber woran erkennt man sie denn nun, die echt Steirische, frage ich bang. Wenzel holt eine Lederhose vom Haken und zeigt es mir. „Die echte steirische Lederhose hat eine grüne Naht“, sagt er, „wenn sie echt steirisch ist, dann ist auch das Grün steirisch und das hat einen sehr kräftigen und leuchtenden Ton.“ Fast wie eine Wiese, die gerade frisch gemäht ist, denke ich mir, während mein Blick verwundert auf eine andere Lederhose fällt. „Das ist keine steirische, sondern eine Salzburger Lederhose“, beruhigt mich Roland, „ihre Bestickung wird immer in einem feinen Beige-Ton genäht und dann unterscheidet sie sich auch noch deshalb von der steirischen Lederhose, weil sie eine Sattelnaht hat.“

Überhaupt die Bestickung. Über 115 Jahre alt sind die Muster, die die Steinharts auf ihre Lederhosen sticken. Überliefert haben diese ihre Vorfahren oder andere Schneider. Roland verschwindet kurz im Nebenzimmer und hält mir gleich drauf ein Blatt entgegen. Auf verblichenem Papier erkenne ich Kurrentbuchstaben. Ganz schön schlau, denke ich mir, die bewahren ihre Muster in einer Schrift auf, die heutzutage kaum mehr lesen kann. Doch plötzlich verblasst die Kurrentschrift vor meinen Augen, weil ich noch etwas Anderes sehe. Viele kleine Löcher erscheinen vor meinen Augen, fein säuberlich in das Papier gestochen. Das Muster, denke ich baff. Roland hält das Blatt gegen das Licht und jetzt erkenne ich es: Eine Gams ist drauf. Stolz steht sie am Felsen. Ein Stückchen weiter unten springt ein Fuchs zu ihr hinauf. Darunter rankt sich ein prächtiges Ornament aus Eicheln und Blättern.

Während ich staune, richtet Roland das Hirschleder her und zeigt mir, wie das Muster aus diesen vielen kleinen Punktlöchern auf die Lederhose kommt. Ganz schön aufwändig ist das: Er legt die Schablone aufs Hosenbein, staubt Kreide drauf und paust das Muster mit einer kleinen Bürste aufs Leder. Behutsam löst er nun die Schablone und greift zu einer Redisfeder. Verwundert sehe ich, wie er sie in frisches Eiklar tunkt und damit das Muster geschickt nachzieht. Als es trocken ist, staubt er wieder Kreide drauf und so entsteht zum dunklen Eiklar ein heller Kontrast. Roland deutet mein Stirnrunzeln richtig: „Beim Sticken fällt das Eiklar unter meiner Fingerwärme einfach ab, es bleibt nichts mehr am Leder, außer der grünen steirischen Naht.“

Die übrigens dreiviertel von der Zeit bei der Herstellung einer Lederhose in Anspruch nimmt. „Es ist die aufwändigste Arbeit“, bestätigt Roland, „aber auch die schönste. Wenn ich ein Muster fertig habe, macht mich das einfach froh und stolz.“ Und ich glaub es ihm aufs Wort, so wie er da sitzt. Entspannt wirkt er, beinahe lümmelt er auf der Bank. Sein Blick aber ist wach auf die Nadel geheftet und ich beobachte, wie sie behände durchs Leder schlüpft. „Detailverliebt und geduldig muss man da schon sein“, sagt er und meint noch lächelnd: „Die Geduld muss ich mir halt einfach nehmen. Denn so eine Lederhose dauert. Bis zu 160 Stunden, die oft nur für die Bestickung anfallen, kann das brauchen.“ Zeit hat es auch gebraucht, bis Roland zu seiner eigenen Lederhose gekommen ist. Über all die Jahre hat er genäht und bestickt, aber nie für sich selbst. „Erst seit einem Jahr hat der Lederhosen-Macher erst eine eigene Lederhose“, lacht er und deutet auf den Haken, wo sie hängt.

Mein Blick schweift weiter zu Vater Wenzel, der aufmerksam mit den einzelnen Lederteilen hantiert. Mit einem Stempfel schlägt er die Löcher für den Knopf, kurz darauf höre ich die Nähmaschine rattern. Als die Rede aufs Anprobieren kommt, sagt er: „Bei uns braucht man nur einmal zur Probe herkommen. In den 50 Jahren, die ich in der Werkstatt bin, hab ich so viel Wissen zum menschlichen Körper und den möglichen Passformen gesammelt, dass wir das Maß im Gefühl haben.“ Und mit einem Blick auf das Leder, das er gerade bearbeitet, fügt er noch hinzu: „Passt nicht, gibt’s bei uns nicht.“ Bevor Wenzel aber weiter schneidert, legt er mir noch schnell ein Stück Hirschleder in die Hand. Wunderbar weich ist es und angenehm warm. Die Steinharts arbeitet nur damit. „Weil es was ganz Gutes ist und was Wertvolles“, sagt Roland, „das Hirschleder schmiegt sich an den Körper und macht es gleich behaglich“. Und wenn der Bauch ein wenig größer wird, wächst die Hose einfach eine Zeitlang mit. „60, 70 Jahre alt kann eine Lederhose schon werden“, sagt er, „die ist fast unverwüstlich.“ Wenzel poltert ein wenig, als ich ihn nach der Pflege frage: „Wenn‘st Dir a Bier raufschüttest, dann wischt es halt eini. Das hält sie schon aus.“ Roland nickt lächelnd, meint aber noch: „Man kann sie auch mit einem feuchten Geschirrtuch reinigen.“ Worin sich die beiden ganz klar einig sind: Eine Lederhose darf man nicht in den Kasten legen oder sogar zusammen falten, sie muss hängen!

Und so lebt sie beinahe ewig, die Lederhose von den Steinharts. Ob ihnen das wohl recht ist? „Wir haben genug zu tun“, lacht Roland, „wir werden so oft weiter empfohlen, weil man bei uns einfach sieht, dass wir mit unserer Arbeit einfach eine Freude haben.“ Verwurzelt und geerdet wirkt er, da auf seiner Bank, beinahe würdevoll schaut er zu mir rüber. „Eigentlich ist haben wir haben nicht nur eine Freude. Eigentlich ist es das Schönste“, und setzt nach einer kurzen Pause nach: „Was wäre

denn sonst schön, wenn nicht das?“ Und wie das geht, dass die Leute sie hier in diesem entlegenen Winkel der Steiermark finden, will ich noch abschließend wissen. „Jeder findet das, was er sucht“, sagt Roland Steinhart. Er schaut in die Stube. Und lächelt wissend.